Motto
„Auch die größte Macht kann durch Gewalt vernichtet werden; aus den Gewehrläufen kommt immer der wirksamste Befehl, der auf unverzüglichen, fraglosen Gehorsam rechnen kann. Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“
(Hannah Arendt, Macht und Gewalt)
Teilnahme und Begleitheft

- Begleitheft zum Kolloquium "Macht"
Teilnahme:
Zu allen Veranstaltungen sind sowohl Studierende aller Fachbereiche als auch die interessierte Öffentlichkeit sowie Medienvertreter herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Veranstaltungsort und -zeit:
Universität Bonn, Hauptgebäude, Am Hof 1, 53113 Bonn. Hörsaal I. 13 Kolloquien, jeweils freitags, 16-18 Uhr. Beginn: 29.10.10. Ende: 04.02.11.
Begleitheft:
Zur Veranstaltung ist ein ausführliches Begleitheft erhältlich. Es kann über die Akademie oder direkt am Veranstaltungsort bezogen werden.
Veranstalter:
Projektreihe der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur i.V.m. dem Institut für Philosophie der Universität Bonn.
Durchschnittliche Teilnehmerzahl: 138 Personen pro Freitagskolloquium.
Auflage Begleitheft: 280 Stück.
Programm
Eröffnung – 29.10.10:
Wonach fragt die Frage nach der Macht?
Einführung in die Thematik: Herangehensweise, Dimensionen, Problemfelder.
2. Sitzung – 05.11.10:
Positionsbestimmung: Kausalität und der Wille zur Macht
Themenschwerpunkt: das kausalistisch-mechanistische Standardverständnis der Macht, systematische und historische Einführung.
Grundlage: Thomas Hobbes, Leviathan; Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra/Nachlass.
3. Sitzung – 12.11.10:
Theorien der Macht (1): Macht und System – Niklas Luhmann
Themenschwerpunkt: die „klassische“ und systemtheoretische Theorie der Macht.
Grundlage: Niklas Luhmann: Klassische Theorie der Macht.
4. Sitzung – 19.11.10:
Theorien der Macht (2): Macht und Regierung – Michel Foucault
Themenschwerpunkt: Macht als Freiheit und Individuationsprinzip.
Grundlage: Michel Foucault: Subjekt und Macht [Haupttext].
5. Sitzung – 26.11.10:
Theorien der Macht (3): Macht und Gewalt – Hannah Arendt
Themenschwerpunkt: Macht als Handeln und die Möglichkeit der Revolution.
Grundlage: Hannah Arendt, Macht und Gewalt.
6. Sitzung – 03.12.10:
Zwischenspiel: Der Vorraum der Macht – Carl Schmitt und die Machthaber
Themenschwerpunkt: die Dialektik von Macht und Ohnmacht.
Grundlage: Carl Schmitt, Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber.
7. Sitzung – 10.12.10:
Gastvortrag: „Der (ohn)mächtige Bürger? – Stuttgart 21 und das Vertrauen in die Demokratie"
Referent: Gerhart R. Baum, Bundesinnenminister a.D.
8. Sitzung – 17.12.10:
Philosophie der Macht (1): Macht und Sein – Paul Tillich und die Ontologie der Macht
Themenschwerpunkt: Mächtigkeit als Seinsstruktur/Gerechte Gewalt.
Grundlage: Paul Tillich, Die Philosophie der Macht und Das Problem der Macht.
WEIHNACHTSPAUSE
9. Sitzung – 07.01.11:
Philosophie der Macht (2a): Macht und Meinung – Platon und die Ohnmacht der Überredung
Themenschwerpunkt: die Macht von Überzeugung und Überredung und die Meinungsmacht der Masse.
Grundlage: Platon, Gorgias.
10. Sitzung – 14.01.11:
Philosophie der Macht (2b): Macht und Weisheit – Platon und die Macht der Philosophen
Themenschwerpunkt: Die wahre Ohnmacht der Tyrannei und die Macht (nicht-instrumentellen) Wissens.
Grundlage: Platon, Politeia.
11. Sitzung – 21.01.11:
Philosophie der Macht (3): Macht und Methode – Niccolò Machiavelli und die Emanzipation der Macht
Themenschwerpunkt: Macht als instrumentelle Kategorie.
Grundlage: Niccolò Machiavelli: Der Fürst.
12. Sitzung – 28.01.11:
Gastvortrag: „Macht und Meinung – Zum Verhältnis von Öffentlichkeit, Medien und Politik“
Referent: Nikolaus Brender, Journalist, ehem. Chefredakteur des ZDF.
13. Sitzung – 04.02.11:
Abschluss: Ausblick und Diskussion
Inhaltliche Einführung
Wenige Phänomene sind so omnipräsent und zugleich so unausgesprochen wie die Macht. Die Macht regiert aus einem Reich im Schatten: Sie ist präsent in der Vielgestalt ihrer Erscheinungen, aber sie tritt nie selbst hervor; jeder ahnt sie, aber niemand kann sie benennen; jeder spürt sie, aber keiner bekommt sie zu fassen. Die Macht ist flüchtig, und doch ist sie immer da. Wer die Macht konfrontieren will, dem entzieht sie sich, taucht aber sofort im Rücken wieder auf: Man kann ihr anscheinend nicht ins Gesicht sehen. Wer über sie verfügen will, der findet sich darin sogleich schon von ihr getragen: Die Macht ist unbeherrschbar. Sie ist kein Gegenstand, den man haben kann, vermag sich aber sehr wohl zu vergegenständlichen; sie ist an sich kein Widerstand, schaut aber aus allem Widerstehenden hervor.
Die Macht kann man nicht treffen, man kann ihr aber begegnen: In jedem Akt eines erkennenden, handelnden, fühlenden Aufeinandertreffens tariert sie sich neu aus – zwischen Subjekt und dem Objekt, das sich erfassen lässt oder verschließt; zwischen Eindringendem und dem Bedrängten, das sich hingibt oder verweigert, zwischen Grüßendem und Gegrüßter, die erwidert oder schweigt. Zur Macht kann man kein Verhältnis haben, weil sie ein Verhältnis ist – und weil sie zugleich und darin in allen Verhältnissen ist: Sie ist das Grundverhältnis aller Verhältnisse.
Die Macht ist daher präsent in allem, was sich begegnet und in dieser Begegnung zueinander Stellung nimmt: im feindseligen Kampf ebenso wie in der begegnenden Liebe; im Verhältnis von Herrschaft und Unterwerfung ebenso wie in der freundschaftlichen Treue. Machtlosigkeit ist nur gegeben in der Isolation, in der begegnungslosen Teilnahmslosigkeit, die aber in keinem Leben völlig waltet. Daher entfesselt Macht, wer hasst – aber nicht der Gleichgültige; Macht hat, wer liebt – aber nicht, wer sich im Indifferenten hält.
[...]
Politik ist die Sphäre der Macht – Politik ist definierter Begegnungsraum; als Sphäre des Aufeinandertreffens von Standpunkten ist sie daher die sichtbarste Plattform der Macht. Politik „macht“ aber keine Macht, und sie „hat“ auch keine, sondern in ihr und durch sie stiftet sich Macht: Macht wird niemals besessen, sondern sie verleiht sich. Machtbeliehen ist Politik aber wie jede Beziehung des Aufeinandertreffens nur dann und solange, wie sie den Mut hat, sich der immer riskanten Begegnung zu stellen.
Der Verführung zu erliegen, sich im Stillstand isolierter Berührungslosigkeit zu sichern, ist der eigentliche Frevel des Politischen; der Glaube, darin die Macht erhalten zu können, aber ihr größtes Missverständnis.
(Aus dem Begleitheft zur Veranstaltung)
© Dr. Martin Booms 2010