It's a Free World
Thema: Arbeit um jeden Preis? Moderne Arbeit zwischen Würde, Wert und Wettbewerb
Einführung

"[...] Ist die Arbeit möglicherweise eine Tätigkeitsform, die – weil sie der Naturnotwendigkeit der Ernährung und Versorgung geschuldet ist – unvermeidlicherweise einen Druck-, Zwangs- oder Mühsalscharakter hat? Wodurch definiert sich überhaupt Arbeit? Geht sie auf in einer rein ökonomisch bestimmbaren Produktivität, die als solche ausschließlich nach ihrem Nutzwert bemessen wird? Oder hat Arbeit über ihren materiellen Nutzen hinaus auch einen humanen Sinn, also eine unmittelbar auf die menschliche Selbstbestimmung gerichtete Selbstwertigkeit? Liegt der Sinn der Arbeit ausschließlich im Erwerb und legitimiert sich Erwerb nur über Arbeit? Oder ist es gerade umgekehrt so, dass die Sinndimension von Arbeit sich erst entfalten kann, wenn die Arbeit vom ökonomischen Druck der Erwerbsnotwendigkeit befreit wird, wenn also Arbeit und Grundversorgung (partiell) entkoppelt werden? Hat die Arbeit nur einen relativen und äußerlichen (Tausch-)Wert, d.h. einen Preis, der sich über Angebot und Nachfrage auf dem Markt aushandelt, oder hat sie als existentielle menschliche Tätigkeit zugleich einen inneren Wert, der als Würde bezeichnet werden kann und daher unverrechenbar ist?

Diese philosophisch-ethische Perspektive auf Arbeit ist für die Abwägung der Frage, ob und inwieweit die Marktgesetze der „Freien Welt“ die menschliche Arbeitstätigkeit zu selbstbestimmter Tätigkeit entfalten oder sie umgekehrt unter das Joch eines neuen Dirigismus zu zwingen drohen, unumgänglich. Eine derart orientierte Abwägung wird aber vor allem geleitet von dem Wissen darum, dass kein System dieser Welt – auch nicht das des Liberalismus – eigenlogisch und gleichsam aus sich selbst heraus eine würdevolle und freie Gesellschaft zu garantieren vermag. Das unkritische, ausschließliche und gewissermaßen gläubige Vertrauen auf den bloßen Mechanismus einer Systemlogik – egal welcher Ausprägung – erscheint vielmehr selbst schon als Ermöglichungsgrund für Unterdrückung und Unmenschlichkeit. Die unabdingbare Verantwortung für die Würde und die Freiheit des Menschen lässt sich daher niemals vollständig an ein System delegieren, sondern sie gründet zuletzt in einer immer auch persönlichen Haltung der Humanität.

Demnach ist Garant, Richtschnur und Zielpunkt einer wahrhaft „Freien Welt“ niemals die Freiheit der Systeme, die in ihr herrschen – sondern der Menschen, denen sie dienen."

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

„It’s a Free World“, D/ESP/GB/ITA 2007

Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Produktion: Kim Cole, Ken Loach, Rebecca O'Brien, Ulrich Felsberg u.a.
Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet, Colin Caughlin u.a.

Nachdem Angie – eine selbstbewusste, allein erziehende junge Mutter – aufgrund ihres Aufbegehrens gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ihre Anstellung bei einer Agentur für Arbeitskräfteanwerbung verloren hat, macht sie sich kurzerhand selbständig und eröffnet eine eigene Agentur, die Arbeitsmigranten aus Osteuropa an britische Arbeitgeber vermittelt. Angetreten mit dem Ziel, geschäftlichen Erfolg mit moralischen Grundsätzen vereinbaren zu wollen, verstrickt sich Angie angesichts der prekären Lage der von ihr vermittelten Arbeitskräfte bald in einem unentwirrbaren Geflecht von persönlicher Anteilnahme und rücksichtsloser wirtschaftlicher Ausnutzung. Gleichermaßen angetrieben vom persönlichem Ehrgeiz nach beruflichen Erfolg und vom Wunsch nach menschlicher Nähe, gerät sie in einem knallharten Geschäftssystem sowohl beruflich als auch privat zunehmend in einen Strudel von Widersprüchen, in dem sich ihr Handlungsspielraum immer weiter einengt und in dem die Abgrenzung von Richtig und Falsch mehr und mehr verschwimmt. 
Ken Loach gelingt es mit seinem Film It’s a Free World eindrucksvoll, die problematischen Verhältnisse des modernen Arbeitsprekariats auf dem globalisierten Markt für Billiglohnkräfte kritisch zu beleuchten, ohne dabei in eindimensionale und vereinfachende Schuldzuweisungen zu verfallen.
It’s a Free World wurde auf den 64. Internationalen Filmfestspielen in Venedig mit dem EIUC Human Rights Film Award ausgezeichnet und erhielt den Preis für das beste Drehbuch.   Weitere Informationen auf der Film-Homepage: http://www.free-world-der-film.de


Bisherige Veranstaltungen

  • 17.05.2012, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz.
    Teilnehmer: 76.
  • 17.06.2009, WOKI Bonn
    Teilnehmer: 140.