The Straight Story – eine wahre Geschichte
Thema: Die Moderne und die Entgrenzung von Raum und Zeit
Einführung
Die „Straight Story“ von David Lynch gilt als sein im Wortsinn geradester und ungebrochenster Film – als ein filmischer Ausreißer in den humanen, liebenswerten Bereich sozialer und zwischenmenschlicher Verhältnisse. Aus dieser Perspektive erscheint die Geschichte als ein poetisch inszeniertes Epos über den unverrechenbaren Wert menschlicher Indi­vidualität, die ihre tiefste humane Verwurzelung gerade in den schlichten, einfachen und alltäglichen Lebensbezügen, ihren Unebenheiten und liebenswürdigen Eigenartigkeiten offenbart; als eine melan­cholische Ode an den welt- und selbsterschließenden Zauber der Langsamkeit, die den Maßstab der Dinge verkleinert und dadurch auf eine Ebene menschlicher Erlebnisfähigkeit zurückbringt; als Verbeu­gung vor der Würde und Reife des Alters, das seine Fülle und Weisheit kund tut, indem es sich dem effekthaschenden Drang spektakulärer Gesten und der kommunikativen Aufdringlichkeit inflationärer Geschwätzigkeit erhaben weiß.
Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, dass der Film diese Dimension nur entwickeln kann vor dem Hintergrund eines Szenarios, das in radikaler, trotzig-melancholischer Gegenstellung zu zentralen Ent­wicklungstendenzen der westlich-modernen Lebensweise angelegt ist: der Dynamisierung und Rationali­sierung von Handlungsanforderungen, der zeitlichen Beschleunigung und räumlichen Entgrenzung von Lebensverhältnissen, der technischen Funktionalisierung und kommunikativen Virtualisierung mensch­licher Beziehungen.
Indem der Film unausgesprochen diese Zwiespältigkeit thematisiert, offenbart die „Straight Story“ ihre versteckte gesellschaftlich-politische Dimension: Sie macht klar, dass es keinen Weg zurück gibt in jene alte, entschleunigte Welt, deren Hymne, aber auch Abgesang sie ist – und sie zeigt auch keinen Weg über sie hinaus. Sie überlasst uns die Verantwortung, für die neue Welt einen neuen, einen menschlichen Weg zu finden – jenseits rückwärtsgewandt verklärender Romantik als auch vorwärtsgetriebener blinder Modernitäts­gläubigkeit.

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

„The Straight Story“, USA 1999

Regie: David Lynch
Drehbuch: John Roach, Mary Sweeney
Produktion: Pierre Edelman, Michael Polaire
Darsteller: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Jane Galloway, Joseph Carpenter u.a.

Die „Straight Story“ gehört zu den am wenigsten bekanntesten Werken des amerikanischen Star-Regisseurs David Lynch – und zu seinen ungewöhnlichsten. Er erzählt darin die authentische Geschichte von Alvin Straight, der sich im hohen Alter entschließt, mit einem Aufsitzrasenmäher eine 6-wöchige Reise über zwei US-Bundesstaaten zu unternehmen, um sich nach vielen Jahren der Ent­fremdung mit seinem entfernt lebenden Bruder auszusöhnen. Die „Straight Story“ ist ein 6½-kmh-Roadmovie der besonderen Art, bei dem die Reisestationen und -erlebnisse von Straights Fahrt zu Aus­drucks- und Erinnerungsstationen seines eigenen Lebens werden. Im Spiegel zahlreicher menschlicher Begegnungen am Straßenrand zeichnet sich das Resümee eines Lebens ab, das auf seiner letzten Reise nach Versöhnung mit sich selber sucht.   Der Schauspieler Richard Farnsworth, nach mehr als 60-jähriger Tätigkeit im Filmgeschäft, wurde für seine Rolle als Alvin Straight im Alter von 79 Jahren für den Oscar nominiert; wenige Zeit später nahm er sich,  von unheilbarer Krankheit schwer gezeichnet, das Leben. Der wahre Alvin Straight erlebte die Premiere des Films gar nicht mehr: Er starb 1996, zwei Jahre, nachdem er tatsächlich die über 500 km weite Strecke von Laurens, Iowa, nach Mount Zion, Wisconsin, mit seinem Rasenmäher bewältigt hatte.


Bisherige Veranstaltungen
  • 15.09.2015, "Harmonie" Bonn.
    Teilnehmer: 160 (ausgebucht).
  • 23.07.2014, Kinok St. Gallen (CH).
    Teilnehmer: 65.
  • 06.07.2008, WOKI Bonn.
    Die Erstausgabe von "Philosophie im Kino II" erfolgte in Verbindung mit der Universität Bonn. 130 Zuschauer verfolgten gerührt die langsame Reise des kauzigen Protagonisten und diskutierten über die Rolle und Würde des Alters in einer Jugend idealisierenden Zeit sowie über die Rolle von Freundschaft und persönlicher menschlicher Begegnung in einer zunehmend von Distanzierung und Migration bestimmten Welt.
    Teilnehmer: 130.