Gesellschaftstheoretisches Verständnis
Leitidee für das gesellschaftstheoretische Verständnis der Akademie ist die Überzeugung, dass gesellschaftliche Realität und Praxis (etwa in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen) immer schon auf bestimmten ideellen Grundüberzeugungen und fundamentalen Werthaltungen aufbauen, die sowohl für die Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge als auch für die Erarbeitung von Problemlösungskonzepten zu berücksichtigen sind. Diese Dimension ideell-theoretischer bzw. geistig-kulturalistischer Grundlagen bildet den tragenden und auslegungsbedürftigen, aber auch beweglichen und gestaltungsbedürftigen geistigen Orientierungsrahmen einer Gesellschaft: ihre leitenden Wertvorstellungen, grundlegenden Vorverständnisse und orientierenden Sinnbestimmungen. Dieser geistige Orientierungsrahmen ist untrennbar in gesellschaftliche Realprozesse und Verhältnisse eingewoben – bewusst oder unbewusst.
Ideelle Sachverhalte und Werthaltungen sind demnach nicht etwa schmückendes kulturelles Beiwerk ohne intrinsischen Bezug zu gesellschaftlicher Praxis, sondern liegen ihr vielfach konstitutiv zugrunde: Gesellschaftliche Praxis/Realität und geistige Theorie/Idealität stehen in einem fundamentalen Wechselverhältnis zueinander. Aus dieser nicht-reduktiven Perspektive erschließt sich soziale Wirklichkeit im Ganzen wie in ihren einzelnen Teilsystemen (z.B. Wirtschaft, Politik, Recht) als ein Kompositum aus materiellen und ideellen Komponenten, die nur in künstlicher Abstraktion in vermeintlich reale Sachzusammenhänge und ideale Sinnfragen auseinanderdividiert werden können. In diesem Sinne sind gesellschaftliche Fragen daher niemals reine Sachfragen, die auf ausschließlich technisch-instrumentellem Wege lösbar wären, sondern immer auch Orientierungsfragen, die Entscheidungen aus geistiger Urteilskraft verlangen.

Begriff und Bedeutung öffentlicher Kultur

Die Gesamtheit von ideellen Faktoren, die den geistigen Orientierungsrahmen einer Gesellschaft und damit mittelbar auch die Bewusstseinshaltung und Grundverständnisse ihrer einzelnen Mitglieder und Teilsysteme konstituieren, und der sichtbare Niederschlag dieser Faktoren in gesellschaftlicher Praxis bestimmen den Begriff von öffentlicher Kultur. Diese öffentliche Kultur wird in den einzelnen Bereichen sozialer Ausgestaltung manifest und praktisch virulent: Sie differenziert sich zur Vielzahl öffentlicher Angelegenheiten in den zentralen gesellschaftlichen Systemen von Recht und Rechtskultur, Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit, Kultur und Geist, Technik und Wissenschaft. Öffentliche Kultur geht aber niemals völlig in ihren sozialen Ausgestaltungen auf: Weder im Gesamt der gesellschaftlichen Subsysteme, denen sie als fundierendes Element zugrunde liegt; noch auch in isolierten einzelnen Bereichen, in denen sich immer nur ein Teilsaspekt öffentlicher Kultur zum Ausdruck bringt. Die Pluralität der öffentlichen Kultur, die in den verschiedenen gesellschaftlichen Gestalten zum Ausdruck kommt, gründet in den autonomen Entwürfen menschlicher Personalität, und sie ist deshalb ebenso irreduzibel wie diese selbst: Indem der Mensch in der ganzen Vielfalt seiner Lebens- und Persönlichkeitsbezüge – als ökonomisches, geselliges, sinnbedürftiges und freiheitliches, aber auch als geschichtlich und gesellschaftlich eingefasstes Wesen – der einzige Zweck ist, der sich selber gilt (Kant), bleibt diese unveräußerbare Selbstwertigkeit (Würde) letzter und übergeordneter Bezugspunkt aller gesellschaftlichen Zwecksetzungen. Die Kultur der Öffentlichkeit ist in diesem Sinne eine Kultur der Menschlichkeit, und eine Verengung der öffentlichen Kultur bedeutet eine Verengung menschlicher Entfaltungs- und Existenzweise.

Auf sozialer Ebene erscheint eine derartige Verengung öffentlicher und damit menschlicher Kultur im Phänomen der Absolutsetzung gesellschaftlicher Teilsysteme mit ihren immer nur bedingt gültigen Funktionslogiken bzw. Zweckausrichtungen begegnet. Die pluralitätsgefährdende Vernachlässigung öffentlicher Kultur birgt so unweigerlich soziales Konfliktpotential und führt zu Verwerfungserscheinungen im gesellschaftlichen Gesamtgefüge, indem sie gleichermaßen problematische Ausschlussverhältnisse wie problematische Identifikationen hervorruft: so etwa eine in ihrer Polarisierung falsche Gegenstellung von Wirtschaft und Ethik, verbunden mit einer in ihrer Ausschließlichkeit falschen Reduktion von Wohlstand auf materiellen Wert.


Grundansatz des sozialethischen Konzepts

Dem gegenüber muss wesentliche Aufgabe einer Sozialethik sein, eine differenzierte, systematische  und kritische (im wörtlichen Sinne von ‚scheiden’ bzw. ‚sichten’), d.h. wertneutrale und ergebnisoffene Ortsbestimmung der Grundlagen öffentlicher Kultur vorzunehmen und der freien Urteilsbildung zur Debatte zu stellen. Indem sie mit dieser Ortsbestimmung auch Kriterien und Hintergründe einer möglichen Grenzziehung für die Gültigkeit einzelner gesellschaftlicher Subsysteme, Funktionsmechanismen und Zweckausrichtungen benennt, steht sie selbst im Dienst einer pluralen öffentlichen Kultur: Sie schafft Freiräume im Denken, die als gesellschaftliche Handlungsräume ausgestaltet werden können, aber sie unternimmt diese Ausgestaltung nicht selbst. Kritische Sozialethik ermittelt die relevanten Fragen und damit das Spektrum möglicher Antworten, nicht die Antworten selbst: Sie hat die Aufgabe, souveräne Urteilsfähigkeit zu ermöglichen, nicht sie zu ersetzen.

Bildung und Ausbildung

Die Akademie als Bildungszentrum und Forum einer Kultur der Öffentlichkeit wendet sich gegen eine perspektivische Einschränkung und falsche Gegensetzung von Wissenschaft und Öffentlichkeit, Gesellschaftstheorie und gesellschaftlicher Praxis, geistiger und materieller Grundlagen gesellschaftlichen Lebens. Sie bekennt sich daher auch zu einem ganzheitlichen Bildungsbegriff, der die Relevanz insbesondere geisteswissenschaftlicher und kulturalistischer Perspektiven auch für praktische Fragestellungen in Politik, Wirtschaft/Unternehmen und Öffentlichkeit hervorhebt. Ein solcher Ansatz unterstreicht die systematische Zusammengehörigkeit von pragmatisch-instrumentellem Nutzenwissen und theoretisch-ganzheitlichem Orientierungswissen und damit die Zusammengehörigkeit von Ausbildung und Bildung. Er wendet sich damit gegen eine reduktionistische Engführung des Bildungsbegriffs auf  Zwecke der Ausbildung ebenso wie gegen eine Immunisierung des Bildungsbegriffs gegenüber Fragen des gesellschaftlichen Nutzens. Die Problemlösungskompetenz praktischen wissensbasierten Handelns im Kontext von Wirtschaft, Politik, Medien und öffentlicher Kultur steht demnach in einem komplementären Verhältnis zu theoretischem Orientierungswissen, nicht aber in einem Ausschlussverhältnis: Praxis ohne Orientierung ist blind, Orientierung ohne Umsetzung ist lahm.

Aufklärung und Beratung

Eine Beratung, die nicht auf die Befähigung zu eigener Urteilskompetenz, sondern die Delegation von Problemlösungen an externe Kompetenz bezweckt, ist fremd- und antwortzentriert. Aufklärung als Bildungsleistung hingegen dient der Orientierung des eigenen Urteils: Sie ist Ratgebung im Dienste der Mündigkeit und damit autonomie- und fragenzentriert

Ein aufgeklärtes Urteilsvermögen bleibt offen für verschiedene Problemlösungsstrategien und Antwortmöglichkeiten, es ist Grundlage der eigenen Entscheidung, die dann selbstbestimmt ist, wenn sie um das Spektrum möglicher Antworten und ihrer Hintergründe weiß und aus diesem begründet und sicher wählt. Aufklärung ist somit Ratgebung zur Selbstbestimmung und darin Bildung.

Diese Form bildender Aufklärung ist nach dem Verständnis der Akademie aber nicht nur ein Wert an sich selbst, sondern zugleich Desiderat für ein Grunderfordernis praktischen gesellschaftlichen Handelns: Die Entscheidungen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur sind ebenso wenig wie die Überzeugungen, auf denen sie aufbauen, in einem einfachen und sachlichen Sinne richtig oder falsch, sondern bedürfen der Beurteilung. Weil die Gestaltung des öffentlichen Lebens und die Ausrichtung des Gemeinwesens niemals rein instrumenteller Art sind, sondern immer auf Zweckbestimmungen und Wertfragen hin orientiert, sind sie niemals aus sich heraus selbstverständlich, sondern sie bedürfen der Begründung.  

Die begründete Urteilsbildung als Ziel einer orientierenden Aufklärung in gesellschaftlichen Fragen ist daher  undelegierbar. Sie ist Grundlage der eigenen Praxis und damit auch jeder Form von Beratung, die auf lösungsorientiertes Anwendungs- und instrumentelles Umsetzungswissen abzielt.